Walid Ra'ad / Jalal Toufic
Was ist die Zukunft der Archive?
Im Sommer 2006 – die Suche nach den Bewegungsweisen hat gerade begonnen – ist in einer Hamburger Galerie eine kleine Ausstellung von Walid Ra’ad zu sehen. Gezeigt wird insbesondere eine Serie von Fotos mit dem Titel We Decided To Let Them Say »We Are Convinced« Twice. It Was More Convincing This Way.
Laut Wandtext handelt es sich um Aufnahmen, die Walid Ra’ad, oder zumindest das im Text genannte ›ich‹, als 15-jähriger 1982 von den israelischen Angriffen auf Westbeirut gemacht hat. Diese Bilder seien ihm 2005 beim Stöbern im eigenen Archiv wieder in die Hände gefallen. Und tatsächlich tragen die Aufnahmen materielle Spuren des Alterns; einige zeigen auch gar nichts, sind Zeugnisse des Versuchs etwas zu fotografieren, was sich kaum ins Bild bringen lässt: vielleicht ein von Explosionen erleuchteter Nachthimmel in schwarzweiß, zugleich über- und unterbelichtet.
Spuren des Verschwindens
Im Sommer 2006 dringt Israels Armee erneut in den Libanon ein. In der Galerie erhält man daher eine »Stellungnahme des Künstlers«, die postuliert, die Arbeit sei keineswegs als Kommentar zu den aktuellen Kampfhandlungen entstanden, sondern vorher. Allerdings hätten »Erinnerungen an 1982 unter libanesischen Künstlern, Schriftstellern und Filmemachern in letzter Zeit gleichsam in der Luft« gelegen.
Wie alle Archiv-Arbeiten von Walid Ra’ad, insbesondere das Atlas Group Archive, funktioniert auch die in der Galerie gezeigte Fotoserie nicht als Dokumentation, die das Dokumentierte als historisches Geschehen bestimmt. Die Arbeiten des Atlas Group Archive präsentieren keine Spuren, die ein tatsächliches Geschehen als solches bezeugen, sondern Spuren eines Verschwindens.
Diese Spuren folgen einer Logik des Traumas: Anstelle dessen, was inkommensurabel bleibt und nicht aufgezeichnet werden kann, bleiben merkwürdige Details am Rande in Erinnerung. Von solchen Details zeugt das Atlas Group Archive und lässt dabei im Zwischenraum zwischen ›Dokument‹ und Beschriftung Geschichten des Archivs entstehen, in denen es weniger um das Verschwinden als um die seltsamen Wege des Wieder-Auftauchens geht.
Während die Kritik der Geschichtsschreibung in den vergangenen Jahrzehnten den subtilen Einsatz von Fiktion und der Konstruktion in der Entstehung historischer Narrationen herausgearbeitet hat, setzt Walid Ra’ad auf nicht weniger subtile Weise Fiktion und Konstruktion ein, um diese Art der Narration gerade zu durchkreuzen.
Archive des Nichtgeschehenen als Vorzeichen?
Auch die neue Fotoserie lässt zwischen Dokument und Beschriftung eine Geschichte entstehen. Sie mag ebenso fiktiv sein wie in anderen Arbeiten Walid Ra’ads, umfasst aber doch eine andere Art des Wieder-Auftauchens, eine nur allzu reale.
Daraus entsteht eine Frage: Wenn es hier um Archive geht, die bezeugen, was nicht geschehen ist, sind diese Zeugnisse dann zugleich Vorzeichen dessen, was wiederkehren wird?
Auch dies würde der Logik des Traumas entsprechen. Hat diese Art mit Archiven zu arbeiten also in bestimmter Hinsicht den Charakter einer Vorhersage, einer unmöglichen Vorhersage, die das, was sie vorhersagt, nur ebenso vermittelt bezeichnen kann, wie das, was sie als (nicht) geschehen bezeugt?
Kurz gesagt: Durchschreitet die Verbindung zwischen Erinnerung und Erfindung, Auftauchen und Verschwinden in Walid Ra’ads Arbeiten an einer bestimmten Stelle die Prognose?
»Untimely Collaboration«
Das fragen wir Walid Ra’ad. Er antwortet, er habe einen Freund, der die Theorie vertritt, dass wir für jede intellektuelle Arbeit, also auch für die Vorhersage, auf »ungleichzeitige Unterstützer« angewiesen sind, auf Kooperationspartner aus der Vergangenheit und vor allem aus der Zukunft. Es sei demnach vor allem deshalb unmöglich, ein Desaster vorherzusagen, weil sich das Desaster selbst negativ auf die Mitarbeit dieser zukünftigen Kooperationspartner auswirkt.
Die Kritik der Geschichtsschreibung hat herausgearbeitet, dass sich immer erst in Zukunft entscheidet, ob es etwas im historischen Sinne gegeben haben wird. »Es wird gewesen sein« – das ist die Figur des zweiten Futurs, der zufolge es zum Beispiel nicht ganz unsinnig ist, den Einfluss T.S. Elliots auf Shakespeare zu untersuchen. Die Theorie der »Untimely Collaboration« radikalisiert diese Figur, indem sie auf der gegenwärtigen Wirkung des zweiten Futurs besteht und damit letztlich die historische Linearität in Frage stellt.
Ihr Autor ist Jalal Toufic. Er ist einer der oben erwähnten libanesischen Künstler, Schriftsteller und Filmemacher mit Vorahnungen, er ist sogar alles drei zugleich. Was er über »Untimely Collaboration« schreibt, korrespondiert dabei auf seltsame Weise mit der Über- und Unterbelichtung photographischer Dokumente, die in Walid Ra’ads Arbeiten immer wieder eine Rolle spielt:
Maxwell’s wave equation for light has a retarded solution and an advanced solution. Retarded light waves travel forward in time, while advanced waves travel backward in time. […] in the Wheeler-Feynman absorber theory of radiation in order for light to be emitted, a back-and forth movement has to happen: a half-sized retarded wave must travel from the atom to the future absorber, and a half-sized advanced wave must travel from the absorber back to the atom. If there are no absorbers in a particular region, light will not shine in that direction. Every time I create something, I know that there is a stranger somewhere who has received it. Many a time I stopped writing, and went out with boring people, who have money and time to waste: I did this most probably because there was no stranger to receive the new I might have created if he or she existed. […] Intuition is but respect for the future creation of others. An ethical imperative: to be available so that what has the possibility of being created can be forwarded to us rather than blocked.
Gesucht: unzeitgemäße Mitstreiter
Wir bitten Walid Ra’ad und Jalal Toufic um eine Prognose über die Zukunft der Archive und die Bewegungen des Auftauchens und Verschwindens.
Sie antworten mit einem Workshop zum Thema der «Untimely collaboration«. Wie wird dieser Workshop selbst seine untimely collaborators finden, um Vorhersage zu werden?