She She Pop
Was ist die Zukunft des Publikums?
She She Pop, Orakel-Box, Prognoses on Movement(s) from Two Antennas on Vimeo.
SheShePops Performances sind Interaktionsexperimente zwischen PerformerInnen und Publikum, Gesellschaftsspiele im wörtlichen Sinne. Im kollektiven Aushandeln und Verhandeln der Spielregeln entstehen Szenarien, die gesellschaftliche Realität nicht nur widerspiegeln, sondern auch überdrehen, überschreiten und weiterdenken.
Aus natur- oder sozialwissenschaftlicher Perspektive ist ein Szenario eine Prognose jenseits des Prognostizierbaren, eine Zukunft, die weniger als fünfzig Prozent Wahrscheinlichkeit für sich verbuchen kann. Ein Szenario ist also keine wahrscheinliche, wohl aber eine mögliche Zukunft.
In genau diesem Sinne sind auch die Situationen, die durch die Performances von SheShePop entstehen, Szenarien, denn wie in einer experimentellen Simulation werden auch hier Parameter und Regeln prototypisch festgelegt und in einen Verlauf gebracht, der dann unvorhersehbare Konstellationen und unwahrscheinliche Ereignisse hervorbringt – Theater als Teststrecke.
Prognosen über Bewegungen stellt die Frage, durch welche Arten der Bewegung sich in Zukunft Kollektive konstituieren werden. Zugleich geht es in diesem Projekt aber auch um die Frage, wie kollektive Formen der Prognose aussehen könnten. Was wäre geeigneter, diese doppelte Frage zu untersuchen, als eine Theater-Teststrecke von SheShePop?
Kollektivbildungs-Tests
Performances wie Warum tanzt Ihr nicht? oder auch Lagerfeuer lassen sich als Anordnungen zur Untersuchung kollektiver Bewegungen verstehen. Lagerfeuer simuliert zum Beispiel die Gründungsszene einer utopischen Gemeinschaft. SheShePop schreiben:
Im Verlauf des Abends wird sich – wenn alles gut geht – die zufällige Ansammlung von ZuschauerInnen und PerformerInnen mit einer kollektiven Vision von Zukunft und Verantwortung identifizieren und einen berauschenden Moment von gemeinschaftlichem Aufbruch in einer spontanen, kollektiven Erzählung erleben. Was könnte man zusammen vorhaben? Wie lautet die Parole, zu der alle aufstehen? Welches politische Lied, welche Utopie verträgt sich noch mit unserer notorischen Ironie?
Prognosen über Bewegungen setzt mit dem Zweifel ein, ob sich das gemeinschaftsstiftende Potenzial der Utopie wieder beleben lässt, ja, ob es überhaupt wieder belebt werden sollte. Könnten also Prognosen über Bewegungen Utopien über Gemeinschaften ablösen? Vielleicht weisen schon die Themen, die am Lagerfeuer diskutiert wurden, in diese Richtung, denn immer wieder ging es dabei um
Bewegungs- und Transportsysteme der Zukunft, die Vorstellung von einer nomadischen Gesellschaft ohne festen Sitz, ohne Verortung.[…] Hier könnte man eventuell konkreter werden.
Das Publikum stellt seine Prognosen
In SheShePops Beitrag wird es um eine Anordnung gehen, die es dem Publikum selbst erlaubt, eine kollektive Prognose zu stellen. Es geht also um die Zukunft des Publikums.
Was aber unterscheidet die Entstehung einer Gemeinschaft im Zeichen der Utopie von einer Versammlung, die kollektiv eine Prognose stellt? Noch dazu, wenn beides im Raum des Theaters geschieht? Welche performativen Mittel und Tricks können eine Passage vom einen zum anderen öffnen? Wie werden SheShePop das Publikum durch diese Passage geleiten? In welche kollektive Bewegung werden sie uns dabei versetzen?
SheShePop werden dafür die Strategie des kollektiven Erzählens weiterentwickeln und dem Publikum Wünsche, Sehnsüchte, Visionen und Ratlosigkeiten entlocken, um sie augenblicklich zu verkörpern, zu visualisieren, zu kommentieren und zu verschieben.
Von der Vorhersage zum Test zur Vorhersage?
Das ist zunächst einmal ein Test, den das Publikum entscheidet: Wie sehr werden wir heimgesucht von den Zukünften der Vergangenheit? Ist die Zukunft überhaupt noch ein unbekanntes Land, in das wir aufbrechen? Oder beginnt die Zukunft vielleicht genau dann, wenn das Publikum die Zukunftsvorhersage selbst als Strategie begreift, um etwas ganz anderes zu erzählen?
Wenn das Subjekt der Prognose ein kollektives ist – nämlich das Publikum selbst –, wer übernimmt dann die Verantwortung für das Prognostizierte und für die Effekte, die das Prognostizieren in der geteilten Gegenwart bereits auslöst? Und wie werden SheShePop mit ihrer Verantwortung als Bewegungs-Weise umgehen?
SheShePop kündigen ihre Orakel-Box mit dem folgenden Text an:
»I ain’t got no home in this world anymore
(Woody Guthrie)
She She Pop stellen ihre Orakel-Box im HAU 3 auf. Das Orakel wird Aussagen über die Zukunft treffen, Visionen entwerfen und Fragen nach Zukünftigem beantworten. Nicht die KünstlerInnen sind dabei die Visionäre, Priesterinnen des Orakels, die ZuschauerInnen selbst sind HellseherInnen und Zukunfts-Weise. SSP nehmen die zufällige Gemeinschaft, die ein Publikum darstellt, wörtlich und geben diesen ExpertInnen einen Auftrag: die Zukunft und wie sie nach dem Wunsch der Anwesenden zu gestalten sei. Sie werden nach ihren Prognosen, Wünschen und Visionen gefragt. Ihre Vorhersagen und Erfindungen werden Gegenstand der Performance sein. Gemeinsam mit den PerformerInnen sollen die ZuschauerInnen in einer improvisierten kollektiven Erzählung eine Vision der Zukunft entwickeln und einen berauschenden Moment des Aufbruchs beschreiben. Mit Hilfe der Performerinnen entsteht ein Instant-Entwurf der visionierten Zukunft, der erlebbar gemacht wird und in dessen Entwicklung die ZuschauerInnen jederzeit eingreifen können. Die Geschichte von der Zukunft wird zur kollektiven Erzählung und der Akt des gemeinsamen Vorstellens zu einer realistischen Utopie. She She Pops „Orakel-Box“ ist ein Diskurs-Workshop mit theatralen Strategien und durchaus politischen Implikationen: die (Un-)Möglichkeit von Gemeinschaft, die Sehnsucht moderner IndividualistInnen nach sozialer Verpflichtung, nach einer Zukunft in Gemeinschaft, nach Kollektivismus.«