Mamoru Takayama
Was ist die Zukunft der Geschichte?
Was ist die Zukunft der Geschichte? Ein Erdbeben für Hegel
Vortragsmanuskript als PDF
Der japanische Philosoph Mamoru Takayama verknüpft in seiner Arbeit zwei Weisen, über das Sein, die Zeit, die Welt, das Leben des Menschen und die Entwicklung der Menschheit nachzudenken: die europäische Geschichtsphilosophie, vor allem die Hegels – und das, was wir mit einer eher verlegenen Umschreibung als »japanisches Denken« bezeichnen und was sich aus den buddhistischen Schriften, aus den Einflüssen von Zen-Praktiken auf die japanische Kultur und vielleicht aus einer spezifischen Erfahrung des Lebens in einem Land speist, für dessen geographisches und historisches Profil Erdbeben immer wieder eine wichtige Rolle gespielt haben.
Ein kausaler Zusammenhang zwischen Vergangenheit und Zukunft?
Als Hegel-Interpret fragt Takayama nach der Rolle von Kausalität und Finalität in der Geschichte: Ist es heute, angesichts der globalen Vielzahl heterogener Prozesse, die keine gemeinsame Logik, ja überhaupt keine rationale Ordnung zu haben scheinen, möglich, eine Bewegung auszumachen, in der sich so etwas wie ein historischer Sinn wiedererkennen ließe?
Taugt die hochgradig systematische, von einer klaren, zielgerichteten Vernunft der Entfaltung eines Weltgeistes getragene Hegelsche Philosophie noch dazu, im aktuellen Chaos der widerstreitenden Mächte, widersprüchlichen Meinungen und unvereinbaren Überzeugungen eine Orientierung zu geben?
Oder haben wir Hegel nur bislang falsch gelesen – handelt es sich bei dem, was er »Kausalität« nennt, um etwas ganz anderes als eine simple Gleichung, mit der sich die Zukunft aus Vergangenheit und Gegenwart ableiten lässt?
Takayama schlägt vor, die Zeitlichkeit der Kausalität selbst als jenes Moment zu denken, in dem Wissen und Unwissenheit, Transparenz und Opazität, Zusammenhang und Widerstreit auseinander hervorgehen. Geschichte, so scheint er nahe zu legen, ist etwas, was in der Zeit mit der Zeit geschieht. Und von diesem Punkt her wäre sie zu erfassen.
Erdbeben, die die Zeit erleichtern
Andererseits bleibt Mamoru Takayama in seinen Einlassungen mit der europäischen Philosophie stets jemand, der zwischendurch lächelnd bemerkt: »Und irgendwann, das ist klar, fällt das alles wieder zusammen.«
Das Erdbeben, das Aufbrechen des scheinbar festen Grundes, das Abgründige des Bodens selbst – das erscheint ihm offenbar nicht so sehr als Drohung, als Katastrophe, der es um jeden Preis entgegenzuarbeiten gälte, sondern eher als eine Erleichterung und Befreiung. Die Gewissheit der schlichten, banalen, selbstverständlichen Endlichkeit von allem stellt in Takayamas Denken einen Gegenpol zu Hegel dar.
Und es ist diese Spannung, die ihn für uns besonders interessant macht: Der Suche nach der verborgenen Kausalität im scheinbar Sinn- und Zusammenhanglosen korrespondiert ein stilles, äußerst lebensbejahendes, ja lebensfrohes Einvernehmen mit dem Nichts, auf dem alles, was der Mensch tut, sagt und denkt, basiert und in das alles wieder zurückfällt.
Kausalität und Nichtigkeit, Geschichte in einer Welt, deren Erde bebt – diese Größen werden in Takayamas Prognose eine wichtige Rolle spielen.
Was wird mit den Kräften der Philosophie?
Unsere Fragen an ihn lauten daher: Wie prognostiziert ein japanischer Philosoph mit seiner besonderen Perspektive im Jahr 2008 die Zukunft der Geschichte? Wie gelingt es ihm, noch einmal die Kräfte der Philosophie zu mobilisieren, um dieses Etwas namens »Zukunft« zur Sprache zu bringen, von dem wir wissen, dass wir es nicht zuverlässig ausrechnen können, und das uns dennoch (oder eben deswegen) unaufhörlich beschäftigt?
Und: wie verändert ein »japanisches Denken« das Verhältnis zur Zukunft?
Mamoru Takayama wird seine Prognose wahrscheinlich in Form eines Vortrags vorstellen. Doch seine ersten Worte nach der Begrüßung bei unserm ersten Treffen lauteten: »Greifen Sie mich mit den Händen an!« Wir lassen uns daher gern von ihm überraschen.