Ligna

Was ist die Zukunft der politischen Bewegung?

Diskussionsrunden, Demos, Lesegruppen, Aufrufe – spätestens in den 1990er Jahren gerieten herkömmliche Formen außerparlamentarischer politischer Manifestation in die Krise.

Eine neue Kunst des Handelns war gefragt, von der man sich andere Formen politischer Information und Intervention erhoffte: Wie kann man in der Vermittlung politischen Wissens zugleich an der Konstitution neuer Öffentlichkeiten arbeiten, statt eine kritische Öffentlichkeit als gegeben vorauszusetzen? Wie können Sender-Empfänger-Modelle differenziert werden? Wie kann man die Vermittlung von Wissen an die Schaffung eines experimentellen Raumes binden, so dass ein Kontinuum zwischen Theorie und Praxis entsteht?

Das »Radioballett« – Choreographien von Zerstreuung

Mit der Entwicklung des Radioballetts hat die Gruppe Ligna eine neue Form politischer Bewegung gefunden, die auf diese Fragen antwortet. Hier bewegen sich die HörerInnen einer Radiosendung durch den öffentlichen Raum.

Was sie hören, ist eine Mischung aus theoretischer Reflexion, politischer Audioführung und choreographischer Anweisung. Was daraus entsteht, ist eine Art der Versammlung, die durch die neuen Versammlungsverbote zum Schutz des City-Kommerzes und der privatisierten Zonen unserer Städte nicht zu stoppen ist, denn hier versammelt man sich nicht, man zerstreut sich.

Gerade diese Zerstreuung macht die Wirkung der Radioballet-Aktionen aus, denn der Außenstehende sieht nichts als eine Reihe verteilter Grüppchen und Einzelner, die gespenstischer Weise dieselben Bewegungen mehr oder weniger zur gleichen Zeit ausführen. Die konzentrierte Ruhe dieser Konstellation erlaubt die Ausführung von Aktionen, die andernfalls unmöglich wären.

Statt der generalstabsmäßigen Durchführung strategischer Angriffe geht es um Mikro-Aktionen, Verschiebungen alltäglicher Praktiken, in denen das Verdrängte wiederkehrt: ausgeschlossene Gruppen und Gesten, verdrängte Geschichte ebenso wie verdrängte Wünsche.

Erneuerte Moderne statt Trend

Glaubt man der so genannten Trendforschung, dann ist der Schwarm im Sinne des »Smart Mobs« die Zukunft der politischen Bewegung, ja, der kollektiven Aktion überhaupt. Es gehört nicht viel dazu, augenblicklich eine Verlagerung des Politischen von den großen Agoren der repräsentativen Politik hin zu einer Vielzahl dezentraler Foren und vernetzter Initiativen zu prophezeien, wo die schnelle effiziente Wahrnehmung von Handlungsoptionen die zähe und problembeladene Konstanz der Versammlung ersetzt.

Schwärme seien, so heißt es, in ihrer lockeren Assoziation schneller und flexibler als klassische institutionelle Organisationsformen. Denn Schwärme oder »Smart Mobs« unterstellen zwar eine Art von Konsens hinsichtlich bestimmter konkreter Ausrichtungen, dieser Konsens ist jedoch nicht das Resultat von Integration und Repräsentation, sondern das bloße Faktum der örtlich und zeitlich begrenzten Kooperation von Einigen.

Auf den ersten Blick kann man das Radioballett für einen solchen »Smart Mob« halten. Doch die Lignas sind nicht Trend, die Lignas sind radikale Modernisten. Sie haben diese neue politische Bewegungsform gerade in der Auseinandersetzung mit einem Medium gefunden, das Vernetzung anders begreift als der New Media Hype.

Den »Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln«, diese alte Forderung Brechts wird heute gängigerweise mit dem Internet in Zusammenhang gebracht, das die asymmetrischen Massenmedien Radio und TV durch neue interaktive Formen ersetzt. Doch Ligna (und vielleicht auch Brecht) geht es nicht darum, die Situation der Trennung und Vereinzelung der Radiohörer aufzuheben. Das ungenutzte politische Potenzial des Massenmediums liegt ihnen zufolge vielmehr darin, dass es die Menschen im Zustand einer radikalen Trennung anspricht und erreicht.

Das Radioballet versucht, diese Trennung als Abstand und diesen Abstand als Bewegungsfreiraum zu begreifen. Das Hören wird als aktive Teilnahme an Distribution, als ein Produzieren in/von Verteilung wahrgenommen.

Die politische Wirksamkeit einer »guten Zeit«

In diesem Sinne ist die Zerstreuung, die das Radioballet produziert, Zerstreuung auch im Sinne von Unterhaltung: Statt (Inter-)Aktivisten im emphatischen Sinne zu sein, üben sich die TeilnehmerInnen des Radioballetts in der Kunst des Verweilens und des Zeitvertreibs, haben sie »eine gute Zeit«.

Statt Leute im Sinne von »gemeinsam sind wir stark« aus Passivität und Isolation herauszureißen, überträgt das Radioballett die moderne Vereinzelung als solche in eine Figur politischer Kollektivierung. Und so ist das Radioballett zugleich eine marxistisch geschulte Kritik am Inter-Aktivismus des sozialen Schwarms, der in den neoliberalen Diskursen den Status eines neuen ideologischen Pragmatismus erlangt hat.

Unheimliche Medienwechsel

Ligna nach der Zukunft zu fragen, hat noch eine andere Pointe: Der gespenstische Charakter des Radioballets ist kein Zufall, sondern verweist auf eine ganz bestimmte Schule medientheoretischer Auseinandersetzung.

Diese Auseinandersetzung geht davon aus, dass Medien niemals einfach Instrumente für Anliegen sind, die unabhängig von ihnen bestehen. Stattdessen bilden Medien in Differenz zu anderen Medien allmählich eigene soziale/technische Welten und Zeiten aus. Da sich mit jedem neuen Medium neue Verfahren verbinden, Körper/Materie und Zeichen aufeinander zu beziehen und zu prozessieren, bringen Medienwechsel in dieser Beziehung immer Verunsicherungen mit sich.

Deshalb sind Medienwechsel kulturell eng mit dem Topos des Unheimlichen assoziiert: Im Umgang mit neuen Medien entstehen immer auch okkulte Praktiken, die einerseits Trickbetrügerei und Wahnsinn sein mögen, die sich aber andererseits auch als ernsthafte Auseinandersetzung mit dem noch unbekannten Potenzial des jeweils neuen Mediums, seiner Zeit und seiner Welt, lesen lassen. Nicht zufällig ist ein »Medium« ja auch eine Person, die mit einer anderen Welt und Zeit in Verbindung steht und dadurch, nicht zuletzt, die Zukunft sieht.

Eine »materiale Astrologie«

Es ist kaum bekannt, dass sich Ligna im Zuge der allmählichen Entwicklung des Radioballetts mehrfach damit beschäftigt haben, okkulte Praktiken in medientheoretische Versuchsanordnungen zu verwandeln, etwa im Anschluss an die so genannte Tonbandstimmen-Forschung, die aus dem Rauschen des Radios den »Sprechfunk mit Verstorbenen« entwickelt hat.

Vor diesem Hintergrund wird plausibel, was Ligna für die Prognosen über Bewegungen ankündigen, nämlich mit dem Radioballett eine neue Form »materialer Astrologie« begründen zu wollen, die die Verteilung des Radiohörens im öffentlichen Raum als Sternbilder und Himmelskonstellationen deutet.

Im Unterschied zum »Smart Mob« feiert das Radioballett sich also nicht als Zukunft der politischen Bewegung, sondern wird zur Versuchsanordnung, in der eine kollektive Form der Vorhersage politischer Bewegungen allererst erprobt werden soll.

Ligna kündigen ihr Radioballett Das Unbewusste der Sterne mit dem folgenden Text an:

»Radioballett
Das Unbewusste der Sterne ist ein performatives Hörspielprogramm, dass die RadiohörerInnen zu aktiven Teilnehmern einer öffentlichen Performance macht. Ausgestattet mit tragbaren Radios und Kopfhörern begeben sie sich auf den Alexanderplatz, um dort anhand verschiedener Übungen der Fragestellung nach der Zukunft politischer Bewegungen nachzugehen. Während alle anderen auf dem Platz zielgerichtet gehen, entzieht sich die Bewegung der TeilnehmerInnern organisiert der Disziplinierung der Körper, sie ist ziellos, sie wird zum Mittel ohne Zweck. Erst in der unkontrollierbaren Zerstreuung der TeilnehmerInnen kann die kollektive Bewegung prognostischen Charakter für andere Bewegungen erzielen. Das Radio operiert dabei wie ein Zufallsgenerator, der das Unbewußte der Bewegungen freisetzt. Es ermöglicht zufällige Bewegungen auf einem Platz, auf dem nichts dem Zufall überlassen wird. Allein die ziellosen Bewegungen der TeilnehmerInnen lassen sich nicht kontrollieren. Das Radio ermöglicht ihre Assoziation. Die RadiohörerInnen sind frei assoziiert, ihre Konstellationen werden in freier Assoziation deutbar. Die Assoziation wird so zur Zukunft politischer Bewegung.

Zur Präsentation
Die Bewegungsabläufe des Radioballettes Das Unbewusste der Sterne werden im Nachhinein einem kollektiven Deutungsprozess unterzogen. Dazu werden die Künstlerin Alice Creischer, der Medientheoretiker Geert Lovink und der Medienwissenschaftler Burkhardt Lindtner ihre Interpretationen der Assoziation von RadiohörerInnen zur Diskussion stellen und einzelne Szenen anhand von aufgezeichnetem Material analysieren. Aber sie haben keine Deutungshoheit: Alle im Raum Anwesenden sind zur Deutung aufgerufen: Was ist die Zukunft politischer Bewegungen?

Prognoseverfahren
Das Prognoseverfahren – um zu einer Vorhersage über die Zukunft der politischen Bewegungen zu kommen –, ist in all seinen Momenten kollektiv. Wer glaubwürdige Vorhersagen treffen kann, besitzt eine große gesellschaftliche Macht. In Das Unbewusste der Sterne wird die Macht der Vorhersage selbst verteilt. Zugleich ist das Prognoseverfahren öffentlich. Mittels des performativen Radiohörspiels, das auf dem Alexanderplatz ausgestrahlt wird, bilden die HörerInnen Assoziationen, denen, dem Unbewussten der Sterne gleich, prognostische Qualitäten zukommen. Indem das Unbewusste jeder Bewegung in der durch das Radio motivierten, aber unkontrollierbaren und insofern auch zweckfreien Handlung freigesetzt wird, werden die Gesten der HörerInnen zu Mitteln ohne Zweck in einem Raum, in dem alles einem Zweck dient und auf ein Zukünftiges ausgerichtet ist. Sie sind kein Mittel, das sich in einem zukünftigen Zweck aufhebt und verschwindet. Die Konstellationen der HörerInnen im Raum lassen sich aufgrund ihrer Zufälligkeit, ihrer Streuung, ihrer unvorhersehbaren Bewegung und ihrer Intensitäten mit der Zukunft politischer Bewegungen selbst assoziieren.

Diese Assoziationen werden filmisch aufgezeichnet und hinterher von den TeilnehmerInnen und BeobachterInnen gedeutet. Das Prognoseverfahren nimmt die Hoffnung der Moderne ernst, dass sich in den körperlichen Bewegungen einerseits die kosmischen Bewegungen fortsetzen, andererseits aufgrund einer unähnlichen Mimesis sich darin eine materiale Astrologie begründen lässt, die nicht nur andere politische Bewegungen ermöglicht – die Bewegung selbst politisiert –, sondern auch in den Assoziationen eine andere gesellschaftliche Situation vorstellbar werden lässt.«