Karin Knorr Cetina

Was ist die Zukunft des Marktes?

Unsere postsoziale Zukunft
Vortrag







Unsere Gegenwart zeichnet sich dadurch aus, dass wir uns immer mehr daran gewöhnen (oder dazu genötigt werden), menschliches Handeln durch die Brille der Ökonomie zu sehen und zu beurteilen.

Der Markt ist nicht mehr ein deutlich abgegrenzter Bereich, wo etwas passiert, was sich »Wirtschaft« nennt. Er ist zu einem Ort der Wahrheit geworden: Es sind nicht nur wirtschaftliche Aktivitäten, sondern auch politische Entscheidungen, gesellschaftliche Initiativen und kulturelle Projekte, deren Wirksamkeit sich in den Reaktionen von entsprechenden Märkten erweist.

Und mit diesen Aktionen steht auch jeweils ein spezifisches Wissen auf dem Prüfstand: Ob politische Diagnosen und Überzeugungen zur Frage der Arbeit »wahr« sind, zeigt sich darin, wie der Arbeitsmarkt auf die beschlossenen Maßnahmen reagiert. Ob ein gesellschaftliches Wissen über Gemeinschaften und ihre Dynamik »wahr« ist, zeigt sich im ökonomischen Erfolg oder Misserfolg von Real Life- und Online-Communitys. Ob Kulturprojekte über künstlerische »Wahrheit« verfügen, zeigt sich darin, wie sie im B2B-Kapitalismus der Kulturproduzenten- und Förder-Netzwerke zu bestehen vermögen. Zumindest zeigt es sich nirgendwo sonst.

Was wäre eine »Wahrheit« des Marktes?

Es fiele leicht, die Logik des Ökonomischen als unpolitisch, a‑sozial und ignorant gegenüber dem Wesen der Kunst zu denunzieren. Es fiele leicht zu behaupten, dass es bei dem, was auf den Märkten geschieht, gar nicht mehr um Wahrheit geht, sondern nur noch um den banalen Realismus des Wettbewerbs: was Erfolg hat, hat Erfolg.

Interessanter und ergiebiger wäre aber folgende Frage: Was wäre das für ein Konzept von Wahrheit, das dem Markt als Ort der Wahrheit entspricht und das Faktoren wie Wirksamkeit, Erfolg und Durchsetzung einbezieht, statt sie für äußerlich zu erklären? Und um was für ein Wissen handelt es sich, das hier zählt?

Prognose zwischen Wissen und Intervention

Die Prognose stellt eine Form von Aussagen dar, in denen dieses ökonomische Wissen sehr prägnant zur Sprache kommt. Es gibt darin zwei Momente: Die Zukunft zu erkennen, sie im Voraus auszumachen, um »proaktiv« auf sie reagieren zu können. Und die Zukunft so weit wie möglich selber herzustellen, ihr den Charakter des Zu-künftigen gerade zu nehmen, sie in eine verlängerte Gegenwart einzuschließen, die sich besser kontrollieren lässt.

Zum einen führt die Prognose wissenschaftliches Wissen in ökonomische Handlungszusammenhänge ein und konfrontiert darin einen wissenschaftlichen mit einem ökonomischen Wahrheitsbegriff. Zum anderen wird sie immer mehr zu einem Mittel, um den Markt zu beeinflussen, Effekte zu erzielen, die für den Auftraggeber der Prognose günstig sind – so dass sich als ihre reine, leere Idealform die »self-fulfilling prophecy« abzeichnet.

Wir möchten die Soziologin Karin Knorr Cetina danach fragen, welches Profil die Prognose im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher und ökonomischer Wahrheit entwickelt und wie es um den Markt als Ort einer Wahrheit des Handelns zukünftig bestellt sein wird.

Wird die Ökonomie mit ihrem Denken in konjunkturellen Bewegungen das System bleiben (oder noch stärker werden), in dem sich die performative Wahrheit aller anderen Wahrheiten ermittelt? Wird irgendwann ein post-ökonomisches Zeitalter anbrechen? Oder wird diese Zuständigkeit für alles die Dynamik dessen, was »Ökonomie« heißt, selbst verändern und ganz andere Bewegungen freilegen?

Eine Kulturwissenschaft der Finanzmärkte

Knorr Cetina scheint uns dafür in einer ausgezeichneten Position, denn sie forscht zu zwei Themen, die sich im Hinblick auf die Prognose verschränken: zu den kulturellen Praktiken, in denen wissenschaftliches Wissen erzeugt und ausgeübt wird, und zur Dynamik globaler Finanzmärkte.

Bei den Finanzmärkten handelt es sich nicht nur um diejenigen Märkte, auf denen heute in der kürzesten Zeit die größten Profite (oder Verluste) gemacht werden. Sie sind auch das System, in dem sich die ökonomische Zeit am radikalsten von den verschiedenen »realen«, »materiellen« Bewegungen gelöst hat, an denen unsere geläufigen Zeitvorstellungen sich orientieren.

Die Frage nach dem Wissen um die Zukunft ist dort daher besonders komplex. Wenn man futures kauft oder verkauft, was folgt daraus für »die Zukunft«? Wie wirkt sich die Selbstreferenzialität der Finanzmärkte und ihrer »second order economy« auf die Verfassung dessen aus, was wir fortfahren »die Zeit« zu nennen – immer unterstellend, dass das Zukünftige später komme als das Gegenwärtige, dass eine nicht überbrückbare Kluft zwischen dem Ausstehenden und dem Anwesenden existiere?

Wie bewahrheiten oder falsifizieren sich Prognosen dort, wo es keine einheitliche Zeit mehr gibt, die den Rahmen für einen Vergleich zwischen früher oder später darstellt, sondern die Zeit selbst Gegenstand von Transaktionen ist?

Und wie steht es somit um das Wissen, dass an den Finanzmärkten die denkbar engste Verbindung mit den Praktiken des Treffens und Kommunizierens von Entscheidungen eingeht – so eng, dass buchstäblich keine Zeit zu bleiben scheint, um die Rhythmen der Wissenschaft und die Rhythmen des ökonomischen Handelns erst zu vermitteln?

Eine Intervention in den Wissensmarkt

Als Wissenschaftlerin wird Karin Knorr Cetina wahrscheinlich die charakteristische wissenschaftliche Form des Vortrags wählen, um auf diese Fragen zu antworten. Doch dieser Vortrag wird zugleich eine Prognose sein – und als solche wird er die Vorgänge auf dem Markt des wissenschaftlichen Wissens zu beeinflussen wissen.

Karin Knorr Cetina kündigt ihren Vortrag Unsere postsoziale Zukunft mit dem folgenden Text an:

»Wir werden unsere sozialen Gefüge, soziale Beziehungen, unsere sozialen Gefühle in 100 Jahren aussehen? Was wird Sozialität bedeuten, welche Einlassungen wird sie umfassen? Wohin wird sie sich bewegen, um aus der Ecke herauszukommen, in die sie gegenwärtig der Markt, die Notwendigkeiten der Effizienz, drängen? Spielt bei der Aushöhlung nicht auch die Politik eine Rolle, ist es nicht gerade sie, die die Sozialität der intimen Verhältnisse und der kleinen Zusammenhänge ersetzt hat durch eine von Behörden klassifizierte, verwaltete und stimulierte Sozialität? Und die nun wegstrebt von dieser Staatsaufgabe und sich lieber an der Zukunft orientieren möchte, für die es interessante Aufgaben und Hoffnungen gibt, z.B. die einer Wissensgesellschaft? Ist hier vielleicht auch die Biologie im Spiel, mit ihrem Lebensbegriff, der auf das Individuum oder die Gattung abzielt, aber mit sozial geformten Gruppierungen eigentlich nichts anfangen kann? Und tragen nicht auch die Neurowissenschaften zur Aushöhlung bei, und die Philosophie, die ihr nachhinkt, wenn sie moralische Motivation anders als sozial erklären? Können Prognosekünste uns vielleicht dabei helfen, diese Situation auszuloten und deren mögliche Abhilfen abzuklären?

Die Prognosekunst umfasst mindestens drei Schritte. Schritt eins, Trendprognose: Zuerst gilt es festzustellen, welche Trends sich in den letzten Jahrzehnten ergeben haben und dann gehen wir einfach einmal davon aus, im besten Sinn ökonomischer Prognosen, dass sie sich fortsetzen. Schritt zwei ist konstruktiver, er besteht aus Szenario-Herstellung und Szenario-Analyse. Wenn wir denn nun festgestellt haben, welche Bahn Sozialität eingeschlagen hat, dann können wir auch überlegen, wie wir sie von der Bahn abbringen—vielleicht können wir sie ja in eine andere Umlaufbahn katapultieren, mit etwas Nachhilfe natürlich, irgendwoher muss die Energie ja kommen. Wir können jedenfalls die Prognose performativ wenden, und voraussagen welche Reaktion einen gegebenen Trend konterkarieren wird. Diese Trendwende wird allerdings nicht so einfach sein, wir werden für sie andere Mittel brauchen als die, die der Sozialstaat, die Gemeinschaft und die Familie bisher angewandt haben, um Sozialität zu fördern. Und dann haben wir auch noch das Problem, mit Überraschungen umzugehen, wir müssen also, im dritten Schritt eine Unsicherheitsklausel einbauen. Was ist, wenn sich im vorausgesagten Trend ein Knick ergibt und er plötzlich kehrt macht? Was ist, wenn unsere „Umleitung“ der Sozialitätsbahn in eine Sackgasse führt oder sich ein anderer Trend in den Weg stellt? Im Prinzip können wir uns wieder an die Ökonomen erinnern und darauf besinnen, dass man Prognosen auch einfach revidieren kann.

Zuerst einmal aber müssen wir anfangen. Ich werde dies so tun, dass ich zeige, wie Sozialität in den letzten 150 Jahren zuerst zunahm, dann aber in den letzten Jahrzehnten Konkurrenz erhielt — vor allem von anderen Wunschvorstellungen, aber auch von neuen Möglichkeiten und anderen Prioritäten. Man kann schließlich nicht erwarten, dass sich Entwicklungen in alle Ewigkeit fortsetzen. Unser Trend, mit dem wir anfangen, hat sich also schon in einen Gegentrend verwandelt. Ökonomisch würde man dies eine Korrektur nennen: der Wert steigt zuerst, und dann fällt er.

Auch Korrekturen werden allerdings korrigiert: Ich werde als nächstes prognostizieren, dass an dem Gegentrend manipuliert werden wird — eigentlich sollte es heißen technipuliert, denn wir arbeiten nicht mehr mit den Händen. Sozialität wird man in etwa 25 Jahren „engineeren“ können. Bis wir uns allerdings daran gewöhnen, und aus der reinen Möglichkeit ein funktionierendes Verfahren, ein socioprocessing gemacht haben, werden weitere Jahrzehnte vergehen. Wen oder was werden wir sozioprozessieren? Das will ich hier noch nicht vorwegnehmen. Das Ergebnis wird jedenfalls eine angeregte und angereicherte Sozialität sein — nicht mehr der Individualismus, an dem die heutigen Soziologen verzweifeln. Neben der angereicherten Sozialität wird es zwei weitere Tendenzen geben, die uns erhalten bleiben, denn hier ist der Trend noch jung. Die eine nenne ich Sozialität mit Objekten. Aus ihr kommen auch einige Anregungen für die Anreicherung von Sozialität und der Mut, sie überhaupt denken zu können. Und dann wird es da noch eine Entwicklung geben, die sozusagen das Korrelat der Aushöhlung von Sozialität ist. Anstatt verinnerlicht zu werden, wird Sozialität veräußerlicht. Sie wird zur Oberfläche unseres Körpers, statt Kern unseres Selbst zu sein. Was daraus folgt, hierzu sind noch Berechnungen nötig. Diese werden frühestens zur Verfügung stehen, wenn die Konferenz startet.«