Joshua Sofaer
Was ist die Zukunft der Bio-Graphie?
Joshua Sofaer, Face It – Prognoses on Movement(s) from Two Antennas on Vimeo.
Das Buch Navigating the Unknown, das Joshua Sofaer kürzlich herausgegeben hat, ist eine Einführung in die grundlegenden Prinzipien der Performing Arts. Hier heißt es im Verweis auf Judith Butler:
whereas the social performance of the person-role formula in our everyday actions has […] to do with the repetition of oppressive and painful norms […] to force them to resignify, the use of performance as a technique in the creative process is precisely about the radical choice that is denied in the social context. Performance itself […] is an engagement which gives rise to knowledge.
Joshua Sofaers Arbeiten sind Versuche, gängige Produktions- und der Präsentationsformate von Kunst und Wissen so umzuwandeln, dass nicht nur der Künstler, sondern auch das Publikum performative Prozesse als Forschung erfahren kann: Als noch kaum jemand das Wort Lecture Performance kannte, hat Joshua Sofaer schon Vorträge gehalten, die das Publikum nicht als Empfänger von Informationen, sondern als Teilnehmer an einem Selbstversuch ansprachen.
Prognose und Orakel: »The Crystal Ball«
Ein immer wiederkehrendes Motiv in Joshua Sofaers Performances ist das Biographische, und dies ist auch die Perspektive unter der er sich mit Prognose und Orakel beschäftigt hat. Die Beschreibung der Performance The Crystal Ball liest sich wie eine ideale Blaupause zu unserem aktuellen Vorhaben:
The Crystal Ball was an event that forecast the lives of the audience that attended. Presented as a sequence of one-to-one interactions, participants had their destiny revealed through professional consultations. Experts set up stall to predict the future lives of the audience in a series of snapshots compiled on site and presented to each participant before they left as This Is Your Life To Come. A troupe of sequinned ballroom dancers greeted each guest and shadowed their journey from one prediction booth to the next. Working as a spectacle for onlookers and a fortune telling for participants, The crystal ball put ticket-holder’s future in the picture. It’s Robert Wilson meets Mystic Meg. It’s Pina Bausch at a Spiritualist Meeting. It’s Miss High Leg Kick and Nostradamus at a Careers Fair… It’s The Future.
Bestechend an The Crystal Ball ist insbesondere das hier zusammengestellte Spektrum von »Experten«, ein Panoptikum gängiger und zugleich radikal verschiedener Kulturen der Vorhersage zwischen face reading und Finanzberatung, okkulten Medien und Karriere-Trainern.
Auf die Bühne gestellt und durch den gekonnten Einsatz der Tänzer-Hostessen gerahmt stellt The Crystal Ball seinen BesucherInnen eine vollständige Versuchsanordnung zur Verfügung: »Thought provoking« ist dabei insbesondere die Kombination aus der Dringlichkeit einer direkten persönlichen Ansprache, der man sich trotz aller Vorbehalte kaum entziehen kann, und der extremen Verschiedenheit der Vorhersage-Verfahren, denen man sich in schneller Folge ausgesetzt sieht. Der Versuch, Distanz zu den biographischen Zuschreibungen der »Experten« aufzubauen, führt unter diesen Bedingungen fast zwangsläufig zu einer Reflexion über die Performance der Prognose selbst und ihre Funktion in der sozialen Konstruktion von Individualität.
Biographische Versuchsanordnungen
Zur Verfügung gestellt hat Joshua Sofaer diese Versuchsanordnung auch insofern, als er die Erfahrungen und Reflexionen der BesucherInnen nicht bündelt oder in sonst einer Weise für sich und sein Projekt in Anspruch nimmt. Er arbeitet seine Versuchsanordnung allein dadurch auf, dass er selbst zu einem Besucher unter anderen wird und anhand der so erhaltenen persönlichen Vorhersagen in eine Recherche über Zukunftsvorhersage und Biographie einsteigt.
Joshua Sofaer will kein Experte in Sachen Zukunftvorhersage sein, wie die es sind, die in The Crystal Ball dem Publikum weissagen. Doch er ist ein Experte für die Performance der Prognose, und er ist dies geworden, indem er seiner anfangs formulierten Leitlinie folgte, nämlich durch den Einsatz von Performance als Mittel zur Generation von Wissen.
Zukünftiges Wissen um die Zukunft
Das ist wahrlich Grund genug, sich seiner Expertise zu versichern. Und so liegt es nahe, ihm eine Frage zu stellen, die hier direkt anschließt und zugleich ins Zentrum unseres Unternehmens zielt: Wie ist die Generation von Wissen um die Zukunft in Zukunft zu organisieren – mithilfe der Performing Arts?
Welche Techniken (alte, magische, neue, wissenschaftliche) können Verwendung finden, und wie werden sie durch die Performing Arts verwendet und verwandelt? Welche Rolle und welche Verantwortung kommt dabei dem Performer als Organisator von Wissensprozessen zu?
Was wäre eine Biographie der Zukunft?
Sicher wird Joshua Sofaer sich dieser Frage nicht rein theoretisch, sondern im Zuge eines Fallbeispiels annehmen, das seiner besonderen Perspektive auf die Zukunftsvorhersage Rechnung trägt: dem Biographischen.
Während die Biographie im üblichen Sinne immer retrospektiv organisiert ist, fragt Sofaer im Zusammenhang mit The Crystal Ball: »What might a [..] biography of the future be?«
Diese Frage wird insbesondere dann produktiv, wenn man das Biographische im weiten Sinne von bios graphein – das Leben schreiben – versteht. Dann umfasst das Konzept alle möglichen Verfahren, dem Leben Bedeutung zuzuschreiben oder generell: Wissen vom Leben zu produzieren.
Fragt man in diesem Zusammenhang nach der Zukunft, stößt man auf ein Feld, in dem altertümliche Vorhersage-Praktiken wie das Lesen aus der Hand oder den Gesichtslinien in wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Verfahren wie zum Beispiel die Physiognomie übergehen. Die Frage nach einer Bio-Graphie der Zukunft verweist also auch auf ein biopolitisches Geschehen mit schwieriger Vergangenheit. Um so wichtiger wird die Frage, was geschieht, wenn gerade in diesem Feld die Performing Arts die Vorhersage übernehmen.
Joshua Sofaer kündigt seine Performance Face it mit dem folgenden Text an:
»What does the future hold for the citizens of Berlin?
In this performance lecture Joshua Sofaer will make a prognosis. He will foretell what lies ahead for the people of Berlin.
Sofaer has gathered together six expert representatives from in and around Berlin, each responsible for a different area of social wellbeing. These experts hold the future of Berlin in their hands: leading figures from the fields of diplomacy, the environment, politics, entrepreneurship, family and health. Each has sat for a photographic portrait. The six photographs have been amalgamated into a composite image, a seventh portrait which represents nothing less than the future potential of Berlin itself. The future of this face is the future of the citizens of Berlin.
This face of Berlin has been subject to rigorous structural analysis, psychogenic readings and telepathic investigations.
Come and see the face of the future of Berlin. Come and hear what lies in store for you.
Research Assistant: Florian Feigl
With the generous cooperation of Hans-Christian Ströbele, Dr Gülnaz Gönül-Aslan, Maike Senger, Dr Ottmar Edenhofer, Sabine Werth, and Ambassador Professor Peter Katjavivi.
With thanks to Dr Bernard Tiddeman, School of Computer Science, St. Andrews University, Scotland, and to Björn Reißmann, KulturFoto, Berlin.«