Jon McKenzie

Was ist die Zukunft der Performance?

Democratizing Torture – Three Scenarios
Vortrag in englischer Sprache







Wir gebrauchen das Wort »Performance« heute in zahlreichen Bedeutungen. Zum einen bezeichnet es eine Aufführung – eine Theateraufführung, bei der Schauspieler Rollen verkörpern, eine musikalische oder tänzerische Darbietung oder das, was man speziell Performancekunst nennt: die Aufführung von Handlungen, die das Handeln selbst, die verschiedenen Handlungsformen, Handlungsrhythmen und Handlungskontexte zum Gegenstand einer ästhetischen Wahrnehmung und Reflexion werden lässt.

Doch sprechen wir mittlerweile ebenso ganz geläufig von der Performance eines Mitarbeiters im Unternehmen, der Performance einer Aktie, der Performance von Computern, der Performance eines Ökosystems. Dieser Gebrauch bezieht sich offenbar auf das Leistungsvermögen – und dabei geht es nicht nur um den gegenwärtigen »Output«, sondern um ein Potenzial, etwas Zukünftiges, das in den Bewertungen von Performance immer schon mit der Gegenwart verrechnet wird.

Der amerikanische Performance-Wissenschaftler Jon McKenzie hat vorgeschlagen, diese verschiedenen Gebrauchsweisen von »Performance« aufeinander zu beziehen. In seinem Buch Perform or Else analysiert er die Disziplin der Performance Studies und ihren Bereich der kulturellen Performances im Zusammenhang mit ökonomischen, sozialen, politischen und ökologischen Performances – und in Beziehung zu einer historischen Formation, die er „performative stratum“ nennt.

Performance und Macht

McKenzie zufolge ist Performance das zentrale Macht-Wissen-Dispositiv unserer Zeit. »Performance«, sagt er, »wird für das 20. und 21. Jahrhundert das gewesen sein, was Disziplin für das 18. und 19. Jahrhundert war.«

In einer Gesellschaft, die durch Performance bestimmt ist, werden die Menschen nicht mehr in erster Linie daraufhin beobachtet, ob ihr Leben und Handeln Normen entspricht oder davon abweicht. Vielmehr bemessen sich ihre soziale Akzeptanz, ihr Einfluss und ihr Prestige nun danach, in welchem Maße das, was sie tun, sich erfolgreich als Performance auf der Höhe des State of the Art zu präsentieren vermag.

An die Stelle fester Zuständigkeiten und formaler Qualifikationen treten flexible, immer wieder erst zu behauptende Kompetenzen. Ethische Kriterien weichen solchen der Wirksamkeit, Effektivität und Effizienz. Allgemeingültige Verfahren und Standards zur Ermittlung von Leistung lösen sich in eine Vielzahl dynamischer Evaluationspraktiken auf, deren Maßstäbe kaum weniger singulär und situationsspezifisch sind als das, was sie messen.

Das bedeutet einerseits eine Entgrenzung und Entfesselung der Praxis – die Entstehung neuer Freiheiten in einem weitgehend unbestimmten Feld, in dem sich die performativen Kraftfelder von Menschen, Dingen, Institutionen und Prozessen überlagern und durchdringen. Andererseits etabliert es einen neuen Typ von Herrschaft, wo man jeden und alles nach seinem Potenzial beurteilt, und wir können heute schon die neuen performativen Hierarchien absehen, die sich zu bilden beginnen.

Die Performance der Prognosen von Performance

Für all diese Performances, in denen das Potenzial als wesentlicher Teil des gegenwärtigen Zustandes zählt, spielen Prognosen eine unverzichtbare Rolle. Kaum eine Performancemessung und -bewertung vollzieht sich unabhängig von Einschätzungen, wie sich die Performance zukünftig entwickeln wird, welche Chancen sie bietet, welche Risiken damit verbunden sind.

Andererseits ist Performance auch der Begriff zur Beurteilung von Prognoseverfahren, von denen auf allen wichtigen Märkten eine große Zahl miteinander konkurrieren: Wie gut ist die Performance einer Prognosemethode? Das heißt, wie zuverlässig sind die Vorhersagen, die sie über die Zukunft macht – aber auch: wie effektiv interveniert sie in ihren Gegenstand, in welchem Maße bewirkt sie positiv das, worauf man hinaus will?

Die Performance eines Performance-Forschers

Wenn wir Jon McKenzie nach der Zukunft der Performance fragen, bitten wir ihn, Performance und Prognose in ihrem Wechselverhältnis zu reflektieren. Was lässt sich vom einen her über das andere sagen? Inwiefern verändern sich diese beiden Begriffe und die Größen, die sie bezeichnen, gegenseitig? In welcher Weise gehören sie in dieser Veränderung zusammen?

In diesem Zusammenhang erhoffen wir uns, dass McKenzie seinem eigenen Vorschlag folgend die künstlerische Performance in seine Reflexion einbezieht. Prognosen über Bewegungen führt bewusst Performance-Künstler und Wissenschaftler zusammen und mobilisiert die Bühne als einen ihnen gemeinsamen Resonanz-, Bewegungs- und Aktionsraum. Bei Jon McKenzie stellt sich ganz besonders die Frage: Wie wird ein Performance-Wissenschaftler seine Vortragsperformance gestalten?

Jon McKenzie kündigt seine Präsentation Democratizing Torture: Three Scenarios mit folgendem Text an:

»What is the prognosis of our torturous future? Is a world without torture even possible? Drawing on the methods of scenario planning, I will lead an exploration of three future scenarios of democracy and torture.

The first simply extends the present by continuing the decades-long run of a theater of clean torture (sensory deprivation, stress positions, stun guns—techniques which leave no marks) that has been produced in secrecy by democracies in the 20th century, right alongside highly publicized human rights initiatives. We might call this “Torture as Usual.”

In the second scenario, this theater of torture goes public as security-obsessed politicians and citizens openly support “enhanced interrogation techniques,” a development now being rehearsed in US presidential campaigns and popular TV shows,
such as 24 and Lost. Here we glimpse a “Society of the Spectacle of the Scaffold.”

Lastly, we shall address “A World without Torture,” exploring the avenues and obstacles to abolishing torture on a global scale. One obstacle: the most obvious means of countering torture—international monitoring of human rights—has arguably contributed to the development of clean torture techniques so pervasive in the early 21st century.

While traditional scenario planning begins with variables or “drivers” and works toward scenarios, I will work backward, outlining three distinct scenarios and then asking participants to explore which factors are necessary for producing
specific futures.«