François Jullien

Was ist die Zukunft des chinesischen Denkens?

Pour une cohérence de la prognose
Vortrag in französischer Sprache







»Umweg über China« lautet die Formel, durch die der französische Sinologe und Philosoph François Jullien bekannt geworden ist.

In den oft hitzig geführten Debatten über die neue Wirtschaftsmacht China, die Banken und Großkonzerne als Zukunftsmarkt preisen, taucht Julliens Stimme nicht nur als die eines umsichtigen akademischen China-Kenners auf, der aktuelle Prozesse im Spiegel der langen, komplexen Geschichte dieses Landes reflektiert und die gegenwärtigen ökonomischen, sozialen und politischen Entwicklungen zu solchen des Denkens und der kulturellen Praxis in Verbindung setzt.

Jullien plädiert stets auch dafür, China nicht als ein bloßes Objekt zu behandeln, dem bestimmte Eigenschaften einfach zukämen, sondern als ein Moment in unserer Auseinandersetzung mit unserem eigenen »westlichen« Denken.

Seine Umwege über China gehen stets von der europäischen, von ihrem Ursprung her griechischen Philosophie aus und führen dorthin zurück, um die Kontingenzen ihrer Voraussetzungen und Bedingungen offen zu legen. Sie konfrontieren diese Philosophie mit dem, was man in China gedacht hat – und mit dem, was man dort nicht gedacht hat, denn es sind oftmals gerade die Leerstellen des chinesischen Denkens, die auf die Gebundenheiten und Aporien des europäischen Denkens verweisen.

Wozu »die Zeit«?

Eine solche Leerstelle ist, wie Jullien in seinem Buch Über die »Zeit« ausführt, der Begriff einer einheitlichen, abstrakten, neutralen, für alles und alle geltenden Zeit.

Während die abendländische Philosophie sich von Aristoteles und Augustinus über Kant, die Frühromantiker und Hegel bis zu Bergson, Husserl und Heidegger unaufhörlich an diesem Problem der Zeit abgearbeitet hat, wurde in China niemals auch nur der Versuch unternommen, so etwas zu denken.

Das chinesische Denken kennt die Jahreszeit und die konkrete Dauer der Prozesse. Diese Kenntnis hat über Jahrtausende hinweg genügt. Und besagt das nicht – so Julliens provokante Frage –, dass dieses philosophische Denken der Zeit unnötig ist? Dass es keiner praktischen Notwendigkeit des Lebens entspricht? Und uns vielleicht sogar gehindert hat, die praktisch relevanten Fragen zu den Lebensprozessen wirklich zu stellen?

Die Zukunft wissen ohne Einheit der Zeit

Was hieße das für die Prognose? In den westlichen Konzepten des Vorhersagens und Prognostizierens treffen ein allgemeiner, abstrakt-theoretischer Begriff der Zeit und eine Vielzahl singulärer Praktiken und praktischer Motive direkt aufeinander. Wie verändert sich der prognostische Blick auf oder in die Zukunft, wenn er jener Bewegung eines Umwegs über China folgt, die Jullien beschrieben hat?

Sehen wir die Zukunft mit anderen Augen, wenn wir uns von der Vorstellung eines universalen Zeithorizonts verabschieden oder diese Vorstellung zumindest relativieren? Treten an die Stelle des Dramas der Vorhersage, in dem das westliche Subjekt den Kampf gegen die Zeitlichkeit seines Existierens inszeniert, eine Reihe konkreter, situationsspezifischer Techniken des Vorhersagens?

Natürliches Wachstum und Hyperkapitalismus?

Wir fragen François Jullien zudem nach möglichen Berührungspunkten zwischen den Vorstellungen eines natürlichen Wachstums im chinesischen Denken zeitlicher Beziehungen und dem kapitalistischen Begriff des Wachstums.

Jullien selbst verwendet in seinen Umschreibungen des chinesischen Denkens eine Reihe von Formulierungen, die auf die Ökonomie verweisen. Er spricht vom Kontinuum des Prozesses als einem »Fonds von Immanenz«, der als »Kapital und Quelle« fungiert. Steht die kapitalistische Zukunftskonstruktion dem chinesischen Denken möglicherweise näher als der Zukunftsbezug des historischen Materialismus?

Eine simultane Prognose

François Jullien wird einen philosophischen Vortrag in französischer Sprache über die Prognose halten und seine Reflexionen im Präsens anstellen. Eine Simultanübersetzung ins Deutsche wird seine Sätze ins Futur übertragen und daraus prognostische Aussagen konstruieren. Das Publikum hat die Wahl, welcher der Versionen es sich zuwenden will.